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Grünau

Leipzig

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“Verzeihung, leben Sie hier in Grünau?”

frage ich und höre:

“Ja, leider.”

Es ist nun über zwei Jahrzehnte her, dass ich hierher gezogen bin. Nach Leipzig. Nach Grünau. In Deutschlands drittgrösstes Plattenbaugebiet. Kohl liess gerade seine letzten Jahre als Kanzler verklingen. Ich bezog ein Zimmer in der Asylunterkunft an der Krakauerstrasse. In meiner neuen Wahlheimat regierte die SPD mit Lehmann-Grube und später Tiefensee als Bürgermeister. An letzteren kann ich mich noch sehr gut erinnern, sass er doch bei den Sitzblockaden gegen die Nazis mit uns an vorderster Front.

Deutschland erlebte auch damals eine Flüchtlingswelle, die seine Bewohner bewegte und wohl ähnlich spaltete, wie heute. Die grosse Anzahl der Neuankömmlinge kam nicht überall gut an.

Grünau selbst war zuvor schon trist, grau und eine Betonstadt in der Stadt. Ich liebte es dennoch und fühl mich auch jetzt, wo ich zwei Jahrzehnte später mit meiner Schwester durch unser Viertel spaziere irgendwie zu Hause. Grünau, das war Familie, das waren Freunde in jedem Haus.

“In Grünau eine Wohnung zu haben. Das war damals schon was.”

sagt sie, wendet sich ab, bleibt dann doch stehen, um sichtlich bewegt hinterher zu schieben:

“Aber heute? Schauen Sie sich doch mal um. Es zieht doch keine junge Familie mehr her.”

Tatsächlich habe ich auf dem Weg von der Strassenbahnstation an der Stuttgarter Allee bis hin zum Allee Center, keine jungen deutschen Paare gesehen. Die wenigen Deutschen, die mir begegneten, waren im Rentenalter. Alle weiteren Spaziergänger an diesem bewölkten Sonntagnachmittag, sind Flüchtlinge, meist aus dem arabischen Raum.

Leipzig – Grünau | 2017 © Milad Ahmadvand

“Die sagen ja schon, die IS sei hier. Ich glaub das nicht. Ich hab ja auch keine Drogen hier gesehen, wie sie schreiben. Aber es ist schon so, dass es schmutziger und lauter geworden ist.”

In den 80ern bewohnten knapp 80.000 Menschen Grünau. Fast so viele Bewohner, wie Winterthur aufweist. Eine Kleinstadt also, in der Stadt. Durch die S-Bahn, die Strassenbahnstationen gut angebunden an Leipzigs Zentrum und nahe der Erholungszone rund um den Kulkwitzer See, waren das Wohnungen, um die sich die DDR-Bewohner auch nach der Wende noch rissen. Mitten in diesem Stadtteil waren wir und es gab damals hier nicht viele von uns.

© Harald Kirschner | Grünau 1984

© Harald Kirschner | Grünau 1983

Mit uns meinte ich Flüchtlinge. Es gab das Heim und vielleicht um die 100 Bewohner darin. Satellitenschüsseln auf den Balkonen und zum Trocknen ausgehängte Teppiche wären die einzigen Unterschiede zu anderen Bauten gewesen, wenn da nicht ein Zaun, Überwachungskameras und Wachpersonal gewesen wäre.

Die Platte hat viele praktische Vorteile gehabt. Zumindest für mich als Kind. Später, als wir das Heim gegen eine Wohnung unweit davon, an der Ringstrasse eintauschten, fand ich meine Freunde in so ziemlich jedem Block. Wollte man sich treffen, reichte ein Anruf oder gar ein Ruf vom Innenhof aus. Später zog man gegen Nachmittag einfach gen See und war sich sicher, dass man dort Freunde trifft. Die Wege waren kurz, das Verhältnis zu den Nachbarn innerhalb der Blöcke viel enger, als später im weltoffenen Hamburg. Der Hort, der Bolzplatz, das Völkerhaus – eine Art Jugendzentrum – die Einkaufsmöglichkeiten… nichts davon hätte man weit suchen müssen. Alles war vor der Haustür. Ich ging alle Wege zu Fuss und hab lange kein Rad besessen. Wozu auch?

Natürlich gab es auch sie. Vor allem zu unserer Zeit, als gegen Ende der 90er Jahre viele aus Grünau wegzogen und der Leerstand den Verfall des Viertels einleitete. Die ganze Region litt unter der Flucht der Arbeiter und der Jugend gen Westen; so auch Grünau, das nun leer gefegt schien. Ganze Hochhäuser wurden abgerissen; Schulen geschlossen und zusammengeführt. Auf meinem Weg dahin traf ich immer mehr Alkoholiker morgens vor der neu gebauten Grünauer Welle – Ein Schwimmbad, das ähnlich wie das Allee Center dem Viertel neues Leben einhauchen sollte.

Sie sassen da, trugen ihre Uniform aus Springerstiefeln, Glatze und Bomberjacke und grüssten hasserfüllt. Man kannte sich und sah sich täglich an den gleichen Orten. An den Wochenenden bewarfen wir uns auf den Demos in Leipzig und dem Umland mit Steinen. Wir besetzten Spielplätze und vertrieben die andere Gruppe, um dann auf den nächsten Akt zu warten. Uns war langweilig. Uns allen. Mit einigen von ihnen ging ich zur Schule, sass mit ihnen in der gleichen Klasse oder gar am Esstisch bei uns oder bei ihnen. Wir waren Freunde, schlugen uns aus Dummheit die Köpfe ein. Das war es. Und das war der Alltag. Leipzig. Das hiess aber auch Freunde, die mich als Familienmitglied aufnahmen; das hiess auch erste Liebe, erste Enttäuschung. Das hiess den ersten Joint, erste Parties. Ich sprach Sächsisch und kannte nichts anderes. Grünau, das war auch Manfred, unser Nachbar, der sich als Weihnachtsmann verkleidete und uns beschenkte und Gerd, der für uns Flüchtlingskinder Ausflüge organisierte. Alles in allem lebten wir eine freie Kindheit. Wir bewegten uns selbstständig zwischen den hohen Wänden und Balkonen und hätten immer irgendwo einkehren können.

Später lese ich am Rechner von Banden, lasse mir von Freunden erzählen, wie sich ihre Hochhäuser verändert haben.

“Die Polizei war hier eine Zeit lang Dauergast”

Ich lese von Messerstechereien, von Überfällen auf Läden, von Brandanschlägen und Explosionen in Hochhäusern… ich lese von Drogenbanden, die sich angeblich zwischen dem Beton und unter den neuangepflanzten Bäumen breit machen. Ich lese von Ghettoisierung der Niedrigverdiener und Migranten und davon, dass aus dem einst stolzen Vorzeigeprojekt der DDR eine Art No-Go-Area geworden ist.

“Nachts möchte ich nicht mehr allein um das Allee Center laufen müssen.”

Meine Schwester und ich sitzen derweil im einzigen Laden, der heute geöffnet hat. Ich bestelle einen Dönerteller, sie einen Normalen mit allem; nicht scharf. Ein Dönerladen mitten in Grünau. Das ist fast schon Satire. Niemals hätte ich mir das damals vorstellen können. Hinter dem Tresen ein Kurde, draussen Türken und ein Iraker. Die Bedienung scheint eine Deutsche zu sein. Ich frage nicht nach und lasse lieber den Blick schweifen. Zwischen all dem Beton hat man wahnsinnig viel Grün angepflanzt. Zu dieser Jahreszeit ein schöner Anblick, der etwas ablenkt von dem Grau auf Grau auf Grau und das die Sommerhitze zwischen den Wänden sicher erträglicher macht. Ein Polizeiwagen dreht seine Kreise. Eine ältere, kopftuchtragende Dame verschnauft auf einer Bank vor dem Wahlkreisbüro der Linken. Ich komm aus dem Staunen nicht heraus.

Es sind Bilder, die ich nicht mit meinem Grünau vereinbaren kann. Zwei Jahrzehnte haben Grünau komplett verändert. Die Bauten mögen die gleichen sein, die Bewohner sind es wohl bereits länger nicht mehr. Ich bereue es, nicht noch mehr Zeit zu haben. Gern hätte ich hier ganze Tage verbracht, anstelle der wenigen Stunden. Wir laufen einen Bogen zurück zum Auto und da entdecke ich sie dann doch noch. Die jungen deutschen Anwohner.

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