Souls of Winti

Samuel Jordi

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Wenn ihr zu den regelmässigen Besuchern der Schützenwiese gehört oder eure Abende gern auf dem Lagerplatz ausklingen lasst, dann hab ihr es schon gesehen: Das einladende Lachen auf seinem Gesicht.

Ich lernte Samuel – wie könnte es anders sein – auf der Schützenwiese kennen. Seine wunderbaren Illustrationen aber kannte ich bereits vorher. Es ist schwer an ihnen vorbeizugehen und noch schwerer sich nicht in sie zu verlieben.

Samuel Jordi ist Illustrator und eine von den Seelen der Stadt, um die Winterthur froh sein kann und die ihr ein Gesicht geben. Ein Fröhliches und Buntes. Und, wie in Samuels Fall, eines das durch seine Illutrationen über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.

Geboren ist Samuel in Winterthur, verbrachte aber seine Kinder- und Jugendjahre im nahegelegenen Thalheim, einem Ort mit dem er auch heute noch verbunden ist. So tragen nicht nur Thalheimer Biersorten seine Handschrift – er gestaltete das Etikett für den “Specht” und den “Uhu”, sondern auch die Flyer und Plakate vieler örtlicher Feste sind von ihm. Winterthur selbst wurde mit achtzehn Jahren zu seinem Lebensmittelpunkt, ehe er die Stadt Zwecks Studium gen Luzern verliess. Sieben Jahre waren es am Ende, die er dort verbrachte. Ob er Winterthur vermisst hat?  “Ja. Allerdings: Von weiter weg kann man sich auch mehr auf die positiven Dinge und Erinnerungen konzentrieren.” sagt er.

Während der Studienjahre zog es ihn dann immer öfter zu den Heimspielen des FC Winterthur auf der Schützenwiese. “Das Stadion war schon damals ein starker Anziehungspunkt. Hier traf ich regelmässig auf meine Freunde. Die Heimspiele des FCW waren immer ein guter Vorwand um den Weg aus Luzern hierher auf mich zu nehmen.” Die Anreise bleibt ihm nun seit fünf Jahren erspart. Das ist die Zeit, die Samuel wieder unter uns verbringt, in Winterthur, dem Ort, an dem er auch beruflich mehr und mehr verankert ist.

Sein Atelier befindet sich im kreativen Herzen der Stadt, am Lagerplatz, und ist voller visueller Reize. Plakate, Karten, Zeichenblocks, Figuren aus Holz und allerlei Bastelutensilien finden sich auf und um seinen Schreibtisch. Kein Chaos, und wenn, dann ein Geordnetes. Ganz so, wie die vielen, von ihm gestalteten Landkarten es sind, denk ich mir. Eines fällt mir mit der Zeit auf: Es sind vorwiegend Figuren aus dem Tierreich und Elemente der Natur, die Samuel in seine Zeichnungen einfliessen lässt. Da gibt es die Weltkarte mit Tieren und Fabelwesen; die Holz- und Pappfiguren, die mal Füchsen, mal Kakteen ähneln oder die grossäugigen Birnen und Eulen, die mich anstarren. Ein wenig beneide ich Samuel um seine Fähigkeit aus sich heraus und ohne die Hilfe weiterer Utensilien ganze Welten zu erschaffen. Wie gern würde ich länger bleiben und in seinen Bildern stöbern können.

Dass Samuel ein Auge für Details hat und ein aufmerksamer Beobachter ist, drängt sich allein durch seine Arbeiten auf. Dennoch – und wie um meine Annahme zu bestätigen – schenkt Samuel mir noch vor dem Verlassen seines Ateliers jene seiner gestalteten Landkarten, auf die ich ein Auge geworfen hatte. Ob er es gemerkt hatte? Oder ob es nur Zufall war? Ganz gleich: Ich danke glücklich und wir ziehen weiter.

Zehn Gehminuten später stehen wir in der Steinberggasse und warten auf Domi, Samuels Freundin und Initiatorin des Projekts “CREARE“, das Flüchtlinge und Einheimische zum gemeinsamen Kreieren einlädt. Spielerisch und kreativ will man hier das Miteinander fördern, Integration erleichtern und die Zugezogenen willkommen heissen. “Ich freue mich sehr auf diese zwei Tage im Monat. Nicht nur, weil ich hier auf neue Mitmenschen treffe… Hier kann auch ich einfach zeichnen und basteln ohne gross nachzudenken. Frei und ohne jegliche Vorgaben oder eigene Ansprüche den Stift in die Hand zu nehmen ist grossartig und macht einen riesen Spass

An dieser Freude lässt Samuel auch sein Umfeld teilhaben. Keiner kommt um seine ansteckende Art herum; auch ich nicht, aber das sollte ich erst später merken. Mit dabei sind mittlerweile auch die anderen Gesichter hinter Creare. “Das ist nicht immer so. Da CREARE heute aber zum letzten Mal in diesem Jahr stattfindet, dachten wir, es wäre schön alle zusammenzukommen und gemeinsam mit den Teilnehmern die Zeit zu verbringen.” Ob und wer alles kommen wird, ist nicht ganz klar. Die Türen stehen offen, eine Teilnehmerliste oder komplizierte Anmeldeverfahren gibt es nicht. Samuel packt die gespendeten Materialien (Papier, Papier und Papier; dazu Stifte in allen Farben und Formen aus. Bereitet alles auf einem Tisch aus und setzt den Tee auf.) Immer wieder aber zieht es ihn zum Fenster. “Ich schau, ob jemand draussen wartet und nach dem richtigen Eingang Ausschau hält. Manchmal finden uns die Teilnehmer nicht. Und bevor sie enttäuscht den Heimweg antreten, gehe ich meist runter und spreche die Leute an, von denen ich vermute, dass sie zu uns möchten.

Der Raum selbst hat sich in der Zwischenzeit von einem kahlen Meetingraum in eine einladende bunte Spielwiese verwandelt. Am Fenster kleben die Zeichnungen und Bastelarbeiten der vergangenen Wochen. Auf den Tischen verteilt sind kleine Papierfrösche und Vögel. Der Tee dampft vor sich hin. Eine afghanische Mutter betritt den Raum mit ihrem Sohn, Afshin, der mich irgendwie an meine Kinderjahre in deutschen Asylwohnheimen erinnert. Ich erzähle Samuel von damals, als unser Heim ein Spielzimmer für Kinder bereithielt und davon, wie wir die Wände gemeinsam mit den ehrenamtlich arbeitenden Helfern bunt bemalen durften. Das hat sich eingeprägt. Afshin setzt sich direkt zu Samuel, der ihm Farben, Pinsel und Papier bereitgelegt hat. Was Afshin malen möchte, will Samuel wissen und fügt selbst, als er merkt, dass sein Sitznachbar noch sprachliche Schwierigkeiten hat oder sich nicht traut, hinzu: “Ein Auto? Vielleicht ein Hubschrauber?” Der Junge lächelt und Samuel weiss, was zu tun ist. Mit einem grossen Edding beginnt Samuel die Umrisse eines Hubschraubers auf Afshins Blatt zu zeichnen. Afshin staunt; ich auch.

Während Afshin die Farben aufs Papier und den Heli aufträgt und Samuel sich seiner eigenen Bastelarbeit widmet, frag ich mich, ob er je hätte jemand Anderes werden können, als der Illustrator, der er ist. Ob er je hätte anders zeichnen können. Die Leichtigkeit seiner Striche, trägt er tief in sich. Das Lächeln seiner Figuren strahlt er selbst auch aus. Samuel wirkt auf mich, wie ein unglaublicher Ruhepol, dem man sich nur allzu gern zuwenden mag, wenn alles andere laut und schrill wird. Und so verwundert es mich nicht, als Samuel mir von seiner anderen, grossen Leidenschaft erzählt: Dem Pilze-Sammeln.

Es wäre zu viel gesagt, dass ich in der Natur meine Inspiration suche. Ich bin einfach gern in den Herbstmonaten im Wald und kann mich begeistern für die Perfektion so mancher Pilze. Die Natur überrascht mich da immer wieder.  Ein schöner Nebeneffekt ist übrigens nebst der frischen Luft und der Lust am Entdecken, auch dass man sie dann schön zubereiten und essen kann.

Seine Inspiration holt sich Samuel überall. In Gesprächen aber auch in den gemeinsamen Mittagessen mit seinem Freund und Kollegen, Ruedi Widmer – ebenfalls Illustrator & Comiczeichner. “Wir setzen uns meistens ins Migrosrestaurant und haben Freude am Austausch, aber auch an der Beobachtung unserer Mitmenschen. Es gibt so viele spannende Menschen und Figuren da draussen; sie sind wohl am ehesten meine Inspiration.

Afshin und seine Mutter sind länger schon weg. Das Team CREARE aber bleibt und bastelt weiter, bei Kaffee und Gesprächen. Ich höre raus, dass Samuel den Zuschlag für einen grösseren Auftrag hat, frage aber nicht weiter nach. Ich bin sicher, dass ich von ihm hören werde. Persönlich oder auf anderen Wegen.

Nach Hause nehme ich meine Karte und das Gefühl, dass es in dieser Stadt noch viele spannende Seelen für mich zu entdecken gibt.

Danke, Samuel.

Mehr zu Samuel:

www.sajo.ch

Shot on FujiFilm X-T2 – 23mm F2 & 56mm
© Milad Ahmadvand - 2016

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