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Souls of Winti

Ricardo Felipe Flores Saldaña

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Ricardo Felipe Flores Saldaña.

Konzept / Text / Fotografien: Milad Ahmadvand
Kamera / Schnitt: Niels Epting

So heisst der Mann, der mir gegenüber sitzt und mir einen Einblick in seine Welt erlaubt. Spricht man mit Ricardo, spricht man mit einem empfindsamen Menschen, dessen Antennen ausgefahren und dessen Sinne immer geschärft zu sein scheinen. Einer jener Menschen, die die Welt auf sich wirken lassen und alles aufsaugend nach einer künstlerischen Ausdrucksform suchen. Ricardos Weg sein Inneres nach aussen zu kehren und seine Erlebnisse zu verarbeiten ist die Bildhauerei und das in einer Form, die auf Anhieb gefällt.

Geboren ist Ricardo in Mexiko. Sein Weg führte ihn vom Norden des Landes über Mexiko City bis hin nach Chiapas, wo seine Familie sich niederliess: Die Kinderjahre im Kreise der achtköpfigen Familie, später dem Bruder Zwecks Kunststudium nach Jalapa folgend. Der Schritt dahin war allerdings kein einfacher und das Ziel war damals ein anderes. „Nach dem Gymnasium wollte ich Anthropologie oder Soziologie studieren und fuhr deshalb auch nach Jalapa um mich dort an der Universität zu informieren und einzuschreiben. Der Zufall wollte es, dass ich Kunst studierte und ich bin heute wahnsinnig froh darum. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht mal eine Ahnung davon, dass man Kunst überhaupt studieren konnte. Als ich von einem Freund davon erfuhr, wusste ich sofort, dass es mein Weg sein würde und ich habe keinen Gedanken mehr an die Anthropologie vergeudet.“

Die Aufnahmeprüfung bestanden widmete sich Ricardo von da an nur der Kunst. Er gewann erste Auszeichnungen und folgte seiner zweiten Passion, als er nach dem Studium eine Lehrerstelle in seiner Heimatstadt annahm und fortan unterrichtete. „Ich hatte immer schon die Vision neben eigenen Arbeiten auch zu lehren und habe auch heute eine grosse Freude daran mein Wissen zu teilen.“

Letzteres macht er heute in seinem Atelier nahe des Deutwegs, wo ich ihn und seine Kursteilnehmer besuchen darf. Der Duft von Holz steigt schon beim Hinaufsteigen der Treppen in meine Nase, ihm folgen der Geschmack von Tee, den er bereitgestellt hat, und das ansteckende Lachen Ricardos zwischen den Erklärungen und Handgriffen. Ich fühle mich direkt willkommen und stehe mit meinem Eindruck sicher nicht allein da. Um mich herum schleifen und hämmern die Teilnehmer und arbeiten an unterschiedlichen Skulpturen und Messern. Dazwischen er, dessen Blick über die Tische schweift und der eingreift, wo Hilfe gebraucht wird. Ricardo strahlt eine ungeheure Ruhe aus und lädt zugleich durch sein offenherziges Lachen ein, sich ebenfalls zu öffnen.

„Es spielt keine Rolle, wie schwierig ein Moment ist oder in welcher Lebensphase du steckst… Auch wenn du pleite bist oder Dir etwas Schreckliches widerfahren ist: Wenn Du lachst, macht es Dich wieder lebendig.“ Es sind solche Sätze, die Ricardo sagt, und hört man seiner Lebensgeschichte zu, bewundert man ihn für den Erhalt dieser Lebensfreude.

Zwischen Lehrerberuf und Winterthur war eine Menge geschehen. Nicht alles war schön, aber alles sollte wohl so sein. Ricardo wechselt das Arbeitsumfeld und ist nun Dozent an der Kunstuniversität in der Hauptstadt Chiapas. Es folgt eine erste Ehe und ein Sohn zu dem er eine besondere und innige Beziehung pflegt. Die Ehe aber kriselt und endet bald – parallel hat er im Beruf mit Intrigen und Mobbing zu kämpfen. Für Ricardo eine grosse Belastung. Da kommt die Einladung zu einem Symposium in Österreich gelegen und er nimmt sie dankend an. In seiner Abwesenheit besucht eine Schweizerin, seine heutige Frau, die Universität – „Unicach“ – und belegt Ricardos Kurs.

„Als ich zurück nach Mexiko kam, sass sie einfach da. Wir sahen uns an und auf einmal waren die Dinge klar.“

Dem neuen Glück folgte eine kräftezehrende berufliche Neuorientierung. Seinen Lehrstuhl hatte er geräumt und sich quer durch das Land auf die Suche nach neuer, befriedigender Anstellung begeben.

„Die Zeit war schön und intensiv zu gleich. Ich lernte viele Künstler und Gleichgesinnte kennen, organisierte Ausstellungen und konnte viele Skulpturen anfertigen; nur fand ich leider keine geregelte Arbeit und so kam die Option in die Schweiz zu ziehen auf den Tisch.“

Er folgte seiner Liebe nach Winterthur und liess seinen Sohn bei dessen Mutter zurück. „Für uns Mexikaner ist die Mutter eine sehr wichtige Figur. Sie ist beinahe heilig. Ich wollte die beiden nicht voneinander trennen“, sagt er und wird leiser. Die Schweiz selbst war ihm bis dato gänzlich unbekannt, entsprechend gross war die Umstellung und kräftezehrend der Neuanfang, mangels hier anerkannter Berufsausbildung.

„Das Leben in Mexiko ist wie in einer anderen Welt.“ sagt Ricardo und verweist auf die Infrastrukturen, den Umgang mit der Umwelt, die ihn anfänglich in seiner neuen Wahlheimat sehr beeindruckte und die Pünktlichkeit der Menschen. „Hier in der Schweiz ist alles geregelt. Manchmal zu sehr. Das hat seine positiven Seiten, wie beispielsweise in der Mülltrennung, sorgt aber auch dafür, dass den Menschen eine gewisse Lockerheit verloren geht. Die meisten stehen unter grossem Stress und einem enormen Leistungsdruck“

Den Druck spürt auch er, der auf dem Papier in der Schweiz keine Ausbildung besitzt und sich so auf die Stellensuche begeben muss. „Ich hatte Glück, denn durch meine Arbeit als Bildhauer hatte ich mit unterschiedlichsten Maschinen gearbeitet und konnte bei einer kleinen Baufirma beginnen, die ein Freund leitete. Dort konnte ich meine Erfahrung einbringen und hatte Freude an der Arbeit mit unterschiedlichen Materialien, vor allem mit Holz.“

Er bleibt der Branche bis heute erhalten und arbeitet fortan als Bauschreiner und fertigt seine Skulpturen in den freien Stunden abseits des Jobs an. Wirklich angekommen war er aber lange nicht. „Erst als mein Sohn zu mir zog änderte sich das.“ Erst dann konnte er hier Wurzeln schlagen. Der Zusammenkunft von Vater und Sohn aber ging ein harter Schicksalsschlag voraus: Dem frühen krankheitsbedingten Tod seiner Exfrau. Ricardo erzählt von der Zeit und ich spür, dass es ihm auch heute noch sehr nah geht. Immer wieder betont er, wie wichtig ihm die Familie sei und dass er ohne seinen Sohn niemals hätte hier heimisch werden können.

In der Zwischenzeit sind sie angekommen. Alle Drei. Er, seine Frau und der Sohn. Gemeinsam bewohnen sie eine Wohnung unweit von Ricardos Werkstatt, wo die Kursteilnehmer in der Zwischenzeit gegangen und Ricardo die Arbeit an einer neuen Skulptur begonnen hat. Es ist still geworden im Raum und der Duft frischer Sägespäne hat sich nun endgültig auf alles niedergelegt, was die letzten Stunden hier verbrachte. Ich schaue mich um, während Ricardo seine Werkbank einrichtet.

Im Raum verteilt: Holz in allen Grössen, Formen und Farben. Dazwischen, beinahe versteckt, seine fertigen Skulpturen mit ihren oft weichen, weiblichen Formen, die nach Berührung schreien. Die meisten sind aus Holz, einige wenige Steinarbeiten stehen am Fenster. Ich bilde mir ein den Lebenskünstler, der mir gegenübersteht, in seinen Werken zu sehen: Zart, aber klaren Linien folgend ohne dabei vorhandene Strukturen zu brechen. Er nimmt das Leben, wie es ist und macht das Beste daraus. Ähnlich geht er mit dem Holz um, dessen eigenen Charakter er hervorhebt und an dem er sich entlang hangelt.

„Inspiration“, sagt Ricardo, „ist wie Appetit. Sie erwacht erst, wenn Du beginnst zu arbeiten.“ Und so versteift er sich nicht auf eine fixe Idee und eine bestimmte Form. Alles entsteht im Moment und während der Arbeit. Die Idee, die Skizze mag bereits vorher vorhanden und in Zeichnungen und Modellierungen erprobt sein, das Material aber beeinflusst das Endresultat entscheidend mit. „Es würde für mich nicht stimmen, wenn ich eine Idee ohne Rücksicht auf das Holz eins zu eins übersetze. Idee und Material sind bei mir immer im ständigen Dialog und ich sehe mich als Vermittler dazwischen, der beide Seiten berücksichtigt.“

Hört man Ricardo über Holz und seine Arbeit damit sprechen, ist es, als höre man einem frisch Verliebten zu, der mit glänzenden Augen und tiefer, ehrlicher Liebe von seinem Glück berichtet. Dabei sind seine Hände die Erweiterung seiner Augen. Er muss die Formen erspüren, ehe er sie auf das Holz überträgt.

„Meine Arbeiten darf und soll man auch anfassen dürfen. Ich selbst bin ein Mensch, der gern berührt und berührt wird. Natürlich mit Respekt dem Gegenüber und dem Material.“

Respekt und Liebe. So langsam verstehe ich, wie sich die Frau, die damals in Mexiko einen Kurs in Bildhauerei belegte, in diesen Mann verlieben konnte. Ricardo erzählt und man verfällt seiner Leidenschaft und möchte ihn am liebsten immer um sich haben. Er wählt seine Worte bewusst, hat aber eine Menge zu sagen und weiss den Ernst des Lebens, der hier und da in seinen Berichten durchkommt, aufzulockern und seine Mitmenschen zum Lachen einzuladen.

Ich freue mich, dass es ihn zu uns verschlagen hat und dass Winterthur sein Zuhause wurde. Ich bin sicher: Es war nicht unsere letzte Begegnung.

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