Nirgends ist das Gras grüner

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Es war ein Fussballspiel,

behaupten zumindest die Veranstalter, und tatsächlich habe ich zwischen den Nebelschwaden, die sich bereits am Morgen über den Rasen der Schützenwiese legten, auch Männer in Trikots erahnen können. Zu Gast war der grosse Nachbar aus Zürich, dem es endlich mal vergönnt war, im eigenen Kanton ein echtes Fussballstadion zu bespielen. (Herzlich Willkommen, FCZ!)

Der FC Winterthur gab sich als guter Gastgeber, tat alles erdenkliche, um Fans und VIPs glücklich zu stimmen und eine friedliche Atmosphäre bereits im Vorfeld entstehen zu lassen. Cup-Becher hier, neuer Medienraum da. Coole Sache, wären da nicht die zwangsläufig mit einem solchen Grossereignis einhergehenden Nebenerscheinungen (Absperrungen im Stadion, Polizeipräsenz an jeder Ecke) und ein Stadtbus-Betrieb, der weiss, wie man mit Durchsagen im Bus Panik verbreiten kann. Provinziell findet “Mö” derartiges. Ich nicke bejahend.

Stadion Schützenwiese

12.12.2016 | 15.00Uhr Stadion Schützenwiese

Aber von vorn: Das Stadion Schützenwiese ist meine Fussballheimat, und ich teile diese (mir noch immer neue Heimat) mit knapp 3500 anderen Fans, die sich im Schnitt pro Spiel dort sehen lassen. Das Stadion hat eine bewegende Geschichte hinter sich, genau wie auch der Club. Die neusten Veränderungen konnte ich selbst miterleben, so etwa den Bau der Gegentribüne und des Kunstrasenplatzes, die Erneuerung der Stadionbeleuchtung, die Renovierung der Spielerkabinen und die Neugestaltung des Medienraumes. Die Vergangenheit kenne ich aus der Lektüre und aus Erzählungen anderer Fans und Mitarbeiter. Wie gern wäre ich mal auf der schönen alten Holztribüne gestanden. In den 1970ern, schreibt der Landbote, waren es zuletzt 12000 Zuschauer, danach wurden diese Dimensionen nicht mehr erreicht. Das sollte sich gestern ändern.

Die Libero Bar - Stadion Schützenwiese

Unzählige Mitarbeiter und Helfer hatten in den vergangenen Tagen die VIP-Zelte aufgebaut und sich um die Infrastruktur gekümmert, so wurden zusätzliche Ess-/Trinkstände im Gästebereich und auch ausserhalb des Stadions entlang der Gegentribüne eingerichtet. Ein Mehraufwand, der den Club viel Anstrengung gekostet hat. Später sollten es 120 Helfer/innen allein im Bereich Catering sein, die die Fans versorgten. Das sind doppelt so viele wie bei anderen Spielen. Hinzu kommen zusätzliches Sicherheitspersonal und Feuerwehrleute.

Ich bin in der Zwischenzeit so richtig in Matchlaune und streife durch das langsam zum Leben erwachende Stadion. Die Libero-Bar ist längst offen, auch die anderen Stände bauen auf; Menschen schwirren schwer beladen um mich herum. Die ersten Fans habe ich ebenfalls schon erblickt: Mit Choreo-Utensilien im Gepäck gehen sie in Richtung Bierkurve und machen sich an die Vorbereitungen. 3000.- CHF, eine Planung, die bereits im Oktober begann, und 120 Stunden Vorarbeit im Stadion stecken hinter der Choreo. Insgesamt hat man 1200 rote und weisse Fahnen im Stadion verteilt. Irre, denke ich mir, während mir D* von den Vorbereitungen der Fans erzählt. Hinten im VIP-Zelt wird derweil die Dekoration auf den Tischen zurechtgerückt. Ein jeder packt hier auf seine Art an.

Dekoration im VIP-Zelt - Stadion Schützenwiese

Dekoration im VIP-Zelt

Grillbude - Stadion Schützenwiese

Helfer reinigen das Stadion

Blick aus dem Salon Erika

Fans bereiten die Choreo vor

Es wird dunkel und mit der Dunkelheit zieht sich auch der Nebel über der Schützenwiese zusammen. Die Türöffnung steht kurz bevor und man hört eine grosse Anzahl Fans sich ausserhalb des Gästesektors lautstark warm singen. Im Stadion selbst herrscht nun etwas Hektik. Medienschaffende suchen nach Leibchen (“Weischt du wo me de findät? Nein, sorry.”) Andernorts fehlt es an Küchenutensilien, die noch aus dem Lager geholt werden müssen. Von allem wird heute mehr gebraucht als sonst.

Nebel über das Stadion Schützenwiese

Das gilt auch für die Mannschaft, die sich bei diesem – auf dem Papier haushoch überlegenen Gegner – deutlich ins Zeug legen muss. “Die Jungs sind gut drauf und positiv gestimmt”, sagt der verletzte Kapitän Schuler. Ich nicke verlegen, weil ich meinem und seinem Optimismus nicht traue. Hinter ihm öffnet sich die Tür der Mannschaftskabine und die Jungs treten hinaus. Zeit für eine kurze Platzbesichtigung und letzte Besprechung.

Luca Radice verlässt KabineSpieler begutachten den Rasen

Blick aus der Küche des Besprechungsraumes

Blick aus der Küche des Besprechungsraumes

Drüben am Tor winkt einer der Securitys. Soll heissen: Die Türen dürfen geöffnet werden. Endlich! Ich eile hinaus, will sehen, wie die Fans zum Stadion strömen und festhalten, was möglich ist. Immer wieder treffe ich auf bekannte Gesichter und auch auf Menschen, die ich hier nicht erwartet hätte. Es kribbelt gewaltig.

Fans auf dem Weg zum Stadion SchützenwieseFans auf dem Weg zum Stadion Schützenwiese Fans vor Imbisstand

Zurück von meiner Tour ist Medienmaschinerie bereits in vollem Gang. Sven Christ gibt die ersten Interviews, die Fotografen und Kameramänner verteilen sich abseits des Rasens. “Da muss man kreativ werden bei der Suche nach einer guten Perspektive”, lächelt Thomas (SchütziTV) und richtet seine Kameras ein. Das Problem ist der Nebel, der mich immer mehr an Szenen aus “Die Stadt der Blinden” erinnert. Ein Buch von J. Saramago, das ich als Schüler verschlang. Eine Epidemie sorgt dafür, dass alle Bewohner einer namenlosen Stadt erblinden. Das aber, was sie sehen, ist nicht etwa tiefes Schwarz, sondern milchiges Weiss, das sich um die Konturen legt. Im Buch tauchen durch das Weiss die Abgründe der Menschen zu Tage – eine real existierende Hölle zeigt sich dem Leser durch die Augen einer Frau, die als einzige von der Krankheit verschont bleibt. Ich schüttle mich und lenke den Fokus auf die Stadionmusik.

FC Winterthur - Spieler beim AufwärmenSven Christ gibt Interviews Gegentribüne - Stadion Schützenwiese

In der Zwischenzeit war die Hütte voll. Zumindest glaubte ich das, denn wirklich viel sah man beim Blick übers Feld nicht. Den lauten Rufen der Gästefans nach aber mussten sie da sein. Und viele von ihnen. Hin und wieder schafft es eine blau-weisse Fahne durch das Weiss. Ich geselle mich zu Thomas, der den kreativsten Platz ( ? ) ergattert hat und warte auf den Einlauf der Spieler und auf mein erstes Mal ‘Hells Bells’ vor 9400 Seelen, die mit mir diesen Sport zelebrieren wollen. Was für ein geiles Gefühl.

Pyro und Choreo - Stadion SchützenwiesePyro und Choreo - Stadion Schützenwiese Choreo - Stadion Schützenwiese

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Das Stadion versinkt im Nebel

Das Spiel beginnt und mit ihm das absurdeste Sportereignis, dem ich live beigewohnt habe. Nebst einer Gelb-Roten-Karte, die ich schlicht nicht gesehen hab und bei der ich auch auf Nachfrage bei Zuschauern und Kollegen in meinem Umkreis keine klare Beschreibung der Szene erhielt, gab es Chancen hüben wie drüben. Letzteres erkannte man jeweils dann, wenn das Publikum am anderen Ende des Stadions zu einem “Uuuuuuhhhh!” ansetzte, das immer lauter wurde. Das Spiel in Halbzeit Eins war ein Gutes, so glaube ich es und bilde mir noch heute – am Folgetag – ein, dass ich zwischen all dem Weiss tatsächlich eine der besten Leistungen unserer Jungs in Rot seit langem gesehen habe. Grossartig, wäre da nur nicht die Sache mit der Unterzahl, mit der man in die Kabine geht.

Nebel beim Spiel FC Winterthur gegen den FC Zürich

Aus. Sicht. – Stadion Schützenwiese

Nebel beim Spiel FC Winterthur gegen den FC Zürich Nebel beim Spiel FC Winterthur gegen den FC ZürichBlick der Fans auf das Spielfeld David von Ballmoos rettet gegen FC Zürich Nebel beim Fussballspiel FC Winterthur gegen FC Zürichausverkauftes Stadion SchützenwieseNebel im Stadion Schützenwiese Blick durch die Absperrungen - Stadion Schützenwiese

Die Halbzeitpause nutzte ich, um mich wieder ein wenig unter die Leute zu mischen. Pflichtbesuch bei der Sirupkurve und Küsschen für meine Tochter und Frau inklusive. Die Vorbereitungen und die zusätzlichen Bier-/Essbuden, haben sich bezahlt gemacht. Im Gegensatz zum Hinspiel, bei dem die Zürcher Mühe hatten, die Fans zeitnah mit Bier zu versorgen, hatte man hier alles im Griff. Die Zuschauer verteilten sich auf die vielen Stände im und auch ausserhalb des Stadions.

Fans vor dem Stadion Schützenwiese

Die Stimmung war gut und ausgelassen, einzig einige wenige Zürcher, die sich in der Bierkurve verteilt hatten, machten auf mich einen raueren Eindruck. “Scheiss Kameramann. Verpiss dich mit deiner Kamera” ist zwar grammatikalisch korrekt, aber eben sonst nicht die richtige Ausdrucksweise. Nun denn, ich schnupperte Fanluft, drängelte mich an Menschenmassen vorbei gen Katakomben und begab mich wieder ans Feld, in der Hoffnung, das Wunder von Winterthur doch noch vom nahen zu sehen (Betonung auf letzteres).

Zu sehen bekam ich nichts, das heisst: Das stimmt nicht. Ich sah einen aufopferungsvoll kämpfenden FCW, der auch nach dem Rückstand in der 65. Minute seine Chancen hatte. “Wir hatten solche Spiele ja in dieser Saison schon öfters, Spiele, in denen wir mitspielen und auch unsere Gelegenheiten haben. Da muss dann aber auch mal einer rein, sonst gewinnst du nichts”, sagt mir Mö später und ärgert sich über die vergebene Chance, dem grossen Rivalen einen Punkt abzujagen. Ansonsten nervt mich der Nebel langsam. Hatte ich mich anfänglich noch über die schön mystischen und stimmungsvollen Aufnahmen gefreut, ärgert es mich nun, “meine” Schützenwiese nicht einmal als “volle Hütte” fotografieren zu können, und so konzentriere ich mich für die letzten Spielminuten auf das Geschehen in der Coachingzone. Schiedrichter in Diskussion mit Trainerteam Notärzte eilgen auf das Feld Verletzter FC Winterthur - Spieler wird davon getragen

Sven Christ winkt eine Mannschaft nach vorn

10 Minuten Nachspielzeit. Sven Christ peitscht seine Jungs unnachgiebig nach vorn.

Nebel im Stadion Schützenwiese FC Winterthur gegen den FC ZürichSven Christ ärgert sich über Gegentor FC Zürich Spieler im Jubel Spieler verlässt das Feld Sven Christ verabschiedet sich von Fans

Das Spiel endet mit 0:2. Traurige Gesichter habe ich allerdings nur wenige gesehen. Die Mannschaft war enttäuscht. Klar! Sie wusste, dass sie hier und heute die Chance hatte, etwas mitzunehmen, und ich hätte es ihr und dem Umfeld nach dieser Leistung wirklich gegönnt. Noch aber bleiben uns zwei Spiele gegen die Kantonsrivalen. Einen Derbysieg will ich also noch erleben, ehe sich die Zürcher wieder für Jahre aus der schönsten Schweizer Liga verabschieden.

Die Spuren der ChoreoFans auf dem Weg nach Hause

© Milad Ahmadvand | 2016
Shot on FujiFilm XPro2 & Canon 1Dx Mark II

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