Würde ich Uta mit diesen Zeilen gerecht werden wollen, ich müsste mich kurz fassen. Dieser Text hätte dann vielleicht Verse, statt Sätze und würde leichter daherkommen. Er hätte dann nur die allernötigste Länge. Keines meiner Worte wäre unbedacht gewählt. Die Melodie dieser Sätze, der Rhythmus und die Farbigkeit ihres Klanges beim Lesen… nichts davon hätte ich dem Zufall überlassen.

Würde ich Uta gerecht werden wollen, ich müsste sie euch vortragen, diese Worte. Ich legte dann hier und dort Pausen ein und zöge später das Tempo an. Ich würde in Zeilen springend euch herausfordern. Ich würde euch stehen lassen und mitreissen.

Würde ich Uta gerecht werden wollen, ich trüge alles selbst: die Last, die Lust, den Koffer, die Tasche, die Violine, die Gitarre, die Verantwortung. Letzteres für alles: für dich, das Licht, den Ton, den Abend, den du zu füllen mir anvertraut hast.

Ich aber will gar nicht erst versuchen Uta sprachlich gerecht zu werden. Wie soll man das denn auch bei einer Frau, deren Beruf es ist Worte aneinanderzureihen, und die mit Sprache und Körpersprache… die mit Klang und Stille…ihre Inhalte leicht verpackt vermittelt.

Uta heisst Köbernick mit Nachnamen und man kennt sie, wenn man denn das Kabarett liebt. Vor zwei Jahren etwa begegneten wir uns das erste Mal und sie blieb mir in lebhafter Erinnerung. Als ich von ihrem Besuch bei uns in Winterthur erfuhr, nahm ich den Kontakt auf und hoffte sie durch ihren Tag begleiten zu können. Eine Nachricht, ein Ja und ein kurzes Telefonat später, sitze ich also hier in Zürich, am Idaplatz unweit von Uta’s Wohnung.

Die Bäume prahlen an diesem Frühjahrstag nur so mit ihren Farben; die Sonne und der mit kleinen Wolken bespickte Himmel sorgen für den Rest. Es passen sich der kitschigen Laune der Natur an: Lachende Mütter, sich sonnende Männer.

“Früher war das hier bunter”, sagt Uta und verweist auf steigende Mietpreise und den “hippen” Status, den die Gegend nun geniesst. Kinderwagen-Showroom und Szenetreff. Ein woz-Mitarbeiter radelt vorbei und winkt uns zu.

Wir sind auf dem nahegelegenen Friedhof und sprechen über Gott und die Welt. Ersteres habe ich ins Gespräch gebracht. Ob sie religiös sei? “Nein” kommt es direkt. “Aber ich hatte auch in meiner Jugend keine Berühung damit. In der DDR war Religion für viele in meinem Alter etwas Historisches, das überwunden war”, sagt Uta und wir bleiben beim Irdischen.

Uta stammt aus Berlin und hat dort hautnah die Wiedervereinigung des Landes miterlebt. “Wenn Du als Jugendliche siehst, dass sich deine Welt  innerhalb weniger Wochen so verändern kann, dann glaubst du plötzlich, alles ist möglich.” Sie wird politisch und bringt sich ein. Auch heute wieder. Auf ihre Art.

Wir bestellen Kaffee im Zug, trinken kurz darauf Eistee im Casinotheater. Dazwischen schwerbeladen Treppen steigen, sich durch Menschenmassen kämpfen. Sie lacht immer.

Ihr aktuelles Program spielt sie nun schon seit einandhalb Jahren. “An Aktualität hat es aber nicht verloren. Manchmal ist es, als passe sich die politische Welt den Texten mehr an, als mir lieb ist.”

Sich mit Uta zu unterhalten bedarf eines: Kombinationsfähigkeit und die Lust ihren Gedankensprüngen zu folgen. In ihrem Kopf arbeitet es ununterbrochen und selten habe ich einen Menschen kennengelernt, den man hierbei auch tatsächlich beobachten kann. Sie unterbricht sich selbst, kneift dann die Augen zu, wedelt mit der Hand den Gedanken weg, sucht mit den Fingern nach dem Faden und fügt neue Details und Zusatzinformationen an. Ein gesprochener Mindmap.

Das Licht ist noch nicht perfekt. “Etwas blau von hinten und nur ganz wenig Licht von vorn” weist sie an, rennt runter von der Bühne, setzt sich in den Zuschauersaal und beobachtet die Lichtwechel. “Nein. Vielleicht noch etwas von der Seite?” Uta bleibt hartnäckig und langatmig, rennt rauf, hält die Hand ins Licht, schiebt den Tisch nochmals zurecht. “Magst Du nochmal alles durchspielen?” Sie zückt einen handgeschrieben Zettel aus der Tasche, zeigt sie Stefan, der am Pult sitzt und später zur richtigen Zeit die Lichtszenen wechseln wird. Sie singt in die Mikrophone und später in den Spiegel.

Ihr rotes Kleid hat sie bereits angezogen, nun zieht sie die Lippen nach. Draussen werden die erste Gäste bewirtet. “Tut mir leid, wenn ich etwas ruppig wirke.” sagt sie zu mir und fragt hinterher “ist aber für dich alles ok?”. Ja, ist es. Ich ziehe mich etwas zurück und beobachte, wie ihr Fokus sich schärft. Die Gitarre in der Hand wirft sie noch einen Blick in den Spiegel und eilt die Katakomben hoch zur letzten Zigarette vor dem Auftritt.

Ist das Lampenfieber oder absolute Konzentration? Es kribbelt jedenfalls und ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Fragen; später werd ich sie vergessen. Uta raucht, der Saal füllt sich. Stefan eilt vorbei: “Kann es losgehen?” Kann es! Sie wippt, ihr Gewicht von Bein zu Bein verlagernd, hin und her. Einen Begrüssungsapplaus später legt sich alles. Schwungvoll begeht sie die Bühne, lacht und ist von dem Moment an, in ihrem Element. “Wenn man aus Schaden klug wird. Wozu dann Bildungspolitik?”

Ich bleibe wo ich bin und höre Uta ihr Programm vortragen, dazwischen das Lachen des Publikum, ein Handy das klingelt. Die Zeit rast mit Uta und plötzlich steht sie wieder vor mir. Erst zur Pause, dann am Ende. Ganz herunterfahren kann sie aber noch nicht. Hände schütteln, CDs verkaufen, Rosen in Empfang nehmen. Der Tag hat sichtlich Kraft gekostet und dazu habe auch ich beigetragen, denk ich mir und stosse mit ihr auf ein letztes Bier an. “Danke, Uta”. Sie lacht.