Aufatmen in Chemnitz

wir sind mehr

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Etwas ist zerbrochen an diesem Abend, an dem ich die Aufnahmen der ProChemnitz-Demonstration vom Montag-Abend, dem 27. August, gesehen habe. Vielleicht ein Stück weit mein Glaube an die Menschheit, vielleicht auch einfach meine Geduld. Nazis, die durch die Strassens ziehen, in aller Öffentlichkeit den Hitlergruss zeigen, «Wir sind das Volk» und «Ausländer raus» schreien – das ist zu viel des Guten. Dabei ist mir klar, dass es heute wahrscheinlich nicht viel mehr Neo-Nazis gibt, als noch vor ein paar Jahren. Aber: Sie haben jetzt eine Plattform und scheuen nicht, diese zu nutzen. Und sie haben viel mehr Sympathisanten. Das macht sie gefährlich. Höchste Zeit also, dass die Linke – ja nicht nur die Linke, sondern einfach alle, die keine Nazis sind – endlich über ihre kleinkarierten Streitigkeiten hinwegkommen, sich aufhören, in Diskussionen zu verlieren und zusammen aufstehen.

Fast Forward zu Sonntag-Abend. Albani. Bier. Schnapps. Zigaretten. Musik. Am wichtigsten: vier weitere junge Menschen, die meine Ansicht teilen und mit mir beschliessen, dass wir die 7-stündige Fahrt nach Chemnitz auf uns nehmen, um vor Ort festzuhalten, was da gerade passiert. Es sind: Milad, Fotograf und Schirmherr dieses Blogs, Dylan, Filmemacher, Pasquale, Germanistik-Student und Jonas, Fotograf. Es wird eine kurze Nacht – um 6.00 Uhr früh am nächsten – respektive gleichen – Morgen fahren wir ab. Karl-Marx-Stadt, here we go. And we are hyped.

Chemnitz mutet noch etwas verschlafen an, als wir um halb drei Uhr nachmittags dort ankommen. Plattenbauten neben Einfamilienhäusern, eine Dönerbude, die ihr Angebot auf laminierten Karten präsentiert, blau-gelbe Busse, die sich gemächlich durch die Strassen schieben. Hätten wir die Medienberichte der letzten Tage nicht mitverfolgt, wir würden keinen Unterschied zu jeder anderen deutschen Kleinstadt feststellen. Aber Chemnitz ist eben nicht wie jede andere deutsche Kleinstadt. Seit zwei Geflüchtete mutmasslich den Deutsch-Kubaner Daniel H. ermordeten und es als Reaktion darauf Aufmärsche von Rechtsextremen sowie Gegendemonstrationen gab, ist die Stadt Symbol für die politische Gespaltenheit Deutschlands.

Wir steigen aus dem Auto, strecken unsere eingeschlafenen Glieder. Es kribbelt im Bauch – eine Mischung aus Angst, Adrenalin, Kampfgeist. Und dann ist da plötzlich dieses Misstrauen. Mit wem können wir unbefangen reden? Dem Typen auf dem Parkplatz, der uns anlabert? Vielleicht ist er ein Nazi. Dem Verkäufer an der Tanke? Wählt sicher die AfD. Der Taxifahrerin, welche uns zur Stadthalle fährt? Bestimmt eine «besorgte Bürgerin». Ein Gefühl, das wir so nicht kennen. Befeuert wird es von den Nachrichten unserer Freundinnen und Freunden. «Viel Glück», «passt auf euch auf» und «ich mache mir Sorgen» schreiben sie, als wären wir in ein Kriegsgebiet entsandt worden.

Auch an uns nagen die Bilder des wütenden Mobs, der «Lügenpresse» brüllt und auf alle losgeht, die eine Kamera mit sich tragen. Aber wir fühlen uns auch sehr mutig, wir sind schliesslich investigative Journalistinnen und Journalisten, bereit, die demokratiewidrigen Zustände in Ostdeutschland für die Öffentlichkeit festzuhalten – hättenwirwollensein, ja wirklich. Im Zentrum von Chemnitz angekommen, treffen wir jedoch ein Openair-Konzert an, welches genauso gut an jedem anderen Festival hätten stattfinden können – abgesehen von den Reden der einzelnen Künstler über die Gefahren des Rechtsextremismus.

«Wir wollen den Menschen, die sich hier in Chemnitz gegen die Nazis auflehnen zeigen, dass sie nicht alleine sind», sagt Felix von Kraftklub an der Pressekonferenz vor dem Konzert. Es ist ihnen gelungen: 65’000 Leute sind nach Chemnitz geströmt, um den Rechtsradikalen zu zeigen, dass sie nicht die Mehrheit in diesem Land stellen. Die Stimmung ist gelöst und friedlich, man merkt, wie Chemnitz nach den Spannungen aufatmet. Wir warten auf den grossen Knall – er kommt nicht. Am Ende der Veranstaltung provoziert die Antifa um das Mahnmal des Verstorbenen. Wir stehen um den Pressewagen der Polizei und warten auf die fliegenden Steine und die Wasserwerfer. Aber die Polizei arbeitet vorbildlich, bleibt ruhig, deeskalierend. Und so fahren wir müde, aber mit viel Glauben an die Menschheit und deren Zusammenhalt nach Leipzip ins Hotel.

Am nächsten Morgen ist da die Frage, was der Erfolg des Solidaritätskonzerts für die Zukunft von Chemnitz bedeutet. Haben die Tausenden von Menschen Zeichen genug gesetzt, dass sich keine Nazis mehr auf die Strasse trauen? Wir bezweifeln es. Eine Aussage von Marco, einem Mitglied von «Bündnis Chemnitz Nazifrei» hallt in unseren Köpfen nach: «Das Bild von Chemnitz, welches die Medien seit Ende August von der Stadt vermittelt haben, ist leider zu 99% zutreffend.» Martin Neuhof, Mitgründer der Leipziger Organisation «NoLegida», ergänzt: «Viele sind heute nur wegen den Gratis-Konzerten gekommen. Wir hier in Sachsen müssen aber jeden Tag Gesicht gegen Nazis zeigen». Denn auch wenn die Ausschreitungen der letzten Tage in Chemnitz eine neue Eskalationsstufe der rechten Gewalt zeigen, hat Sachsen seit den 90er-Jahren ein Faschismus-Problem. Ein Pop-Konzert mit tausenden von Besuchern löst die tiefgreifenden Strukturen nicht, welche zur Radikalisierung Ost-Deutschlands geführt haben. In wenigen Tagen werden auf den Strassen der Karl-Marx-Stadt wieder die «wir sind das Volk»-Rufe zu hören sein – und dagegen hilft nur der beständige, unbequeme Widerstand und der Wille der Zivilisation, nachhaltig etwas zu verändern. Wir versuchen es auf unsere Art: Indem wir unsere Emotionen auf Film, Bildern und Texten festhalten und sie mit euch teilen. Danke Milad, es war eine Ehre, für lovewinti zu schreiben.

Text: Olivia Staub
Fotos: Jonas Reolon & Milad Ahmadvand